Weibliche Körperbehaarung: Warum ich plötzlich angefangen habe, etwas zu hinterfragen
Eigentlich hat alles damit angefangen, dass ich vergessen habe, mich zu rasieren.
Nicht aus Protest oder als politische Entscheidung, ich hatte einfach Stress. Meine Tochter wollte mich kaum alleine duschen lassen, der Alltag war voll und irgendwann merkte ich: Ups. Da ist inzwischen deutlich mehr Achselhaar als sonst.
Und statt direkt zum Rasierer zu greifen, dachte ich plötzlich:
„Ich weiß eigentlich gar nicht, wie meine Achselhaare aussehen.“
Das klingt erstmal absurd. Aber ich rasiere mich seit meiner Jugend. So selbstverständlich, dass ich nie bewusst darüber nachgedacht habe. Frauen rasieren sich eben. Punkt.
Oder?
Je länger ich darüber nachdachte, desto spannender fand ich eigentlich nicht das Haar selbst, sondern meinen Blick darauf. Warum fühlte sich das sofort „falsch“ an? Und genau da wurde mir noch einmal bewusst, wie tief Schönheitsideale für Frauen in uns sitzen, ohne dass wir sie jemals bewusst entschieden haben. Ich hatte mich nie wirklich gefragt, wie ich Achselhaare an mir selbst eigentlich finde. Ich wusste gar nicht, wie sie aussehen, wie sie sich anfühlen und ob ich sie schön finde. Oder eben nicht.
Also startete ich meine kleine Achselhaar-Challenge.

Weiblichkeit und Schönheitsideale: Mit welchen Bildern viele Frauen aufwachsen
Ich kann mich noch erinnern, dass ich als Kind einmal eine Bekannte meiner Mutter mit Achselhaaren gesehen habe. Ich war völlig schockiert.
Nicht, weil Haare objektiv schlimm gewesen wären, sondern weil ich so etwas einfach nie gesehen hatte.
Später wurde das Bild von Frauen mit Körperbehaarung dann ziemlich klar eingeordnet. Das waren „Emanzen“. Frauen, über die man sich lustig machte. Die irgendwie „zu extrem“ waren. Nicht sexy. Nicht weiblich. Irgendwie gegen Männer.
Meine Mutter war eigentlich ziemlich feministisch. Sie las die Emma von Alice Schwarzer und beschäftigte sich mit Frauenthemen. Aber selbst sie mochte keine Achselhaare bei Frauen.
Und ich? Ich konnte mit Feminismus als Teenager ehrlich gesagt wenig anfangen. Ich wollte Männern gefallen. Wollte schön gefunden werden. Wollte dazugehören. Ich war überhaupt nicht selbstbewusst genug, um anzuecken oder bewusst gegen Schönheitsnormen zu gehen.
1999 zeigte sich Julia Roberts mit Achselbehaarung auf dem roten Teppich. Die Schlagzeilen damals: „Peinlicher Achselhaar-Fehltritt“. Dieses Bild von ihr mit erhobenem Arm im roten Paillettenkleid ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Verrückt eigentlich, schließlich gibt es wirklich Wichtigeres. Zumal später rauskam, dass es schlicht ein Versehen und kein feministisches Statement war.
Überall hörte man dieselben Botschaften:
Körperhaare bei Frauen seien eklig. Unhygienisch. Unsexy. Unweiblich.
Und irgendwann übernimmt man solche Gedanken einfach, ohne sie noch zu hinterfragen.
Heute sehe ich das viel klarer: Unser Selbstbild entsteht nicht im luftleeren Raum. Es entsteht durch Bilder, Werbung, Kommentare und gesellschaftliche Erwartungen darüber, wie Weiblichkeit auszusehen hat.


Warum Frauen sich rasieren: die Geschichte hinter der sozialen Norm
Spannend ist eigentlich, wie jung diese Norm überhaupt ist.
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde weibliche Körperbehaarung zunehmend als Problem dargestellt. Als ärmellose Kleider in Mode kamen, begannen Firmen damit, Frauen gezielt einzureden, sichtbare Haare seien peinlich und unästhetisch.
1915 brachte Gillette den ersten Frauenrasierer auf den Markt und spielte eine zentrale Rolle dabei, weibliche Körperbehaarung als etwas darzustellen, das entfernt werden müsse.
Das Interessante daran: Vorher war das gesellschaftlich viel weniger Thema.
Natürlich gab es Schönheitsideale schon immer. Aber viele Dinge, die wir heute für völlig selbstverständlich halten, wurden aktiv vermarktet. Und irgendwann wurden sie so normal, dass sie sich wie Naturgesetze anfühlen.
Genau das passiert mit vielen Schönheitsnormen für Frauen.
Wenn wir etwas ständig sehen, empfinden wir es als richtig. Wenn wir etwas kaum sehen, wirkt es plötzlich fremd oder falsch.
Und auch wenn sich in den letzten Jahren sichtbar etwas verändert hat, etwa durch #HairyArmpits auf Instagram oder TikTok, fühlt sich weibliche Körperbehaarung im Alltag für viele Frauen immer noch wie ein kleines gesellschaftliches Risiko an.
Interessant dazu fand ich zum Beispiel diesen Vogue-Artikel über die Achselhaar-Debatte oder diesen sehr persönlichen Erfahrungsbericht auf amazedmag.de, in dem ich mich an vielen Stellen wiedergefunden habe.
Und tatsächlich zeigen auch neuere Untersuchungen, dass dieses Gefühl nicht komplett eingebildet ist. Laut einer deutschen Umfrage des IKW aus dem Jahr 2021 entfernen selbst Frauen über 50 mehrheitlich weiterhin Achsel- und Beinhaare. Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch: Mit steigendem Alter nimmt der Enthaarungsdruck langsam ab. Jüngere Frauen rasieren deutlich häufiger zusätzlich Arme, Gesicht oder Intimbereich.
Das fand ich spannend. Vielleicht, weil gesellschaftliche Erwartungen an weibliche Attraktivität gerade bei jungen Frauen besonders stark sind. Vielleicht auch, weil viele Frauen mit dem Alter ein Stück freier werden und weniger Energie darauf verwenden, permanent „begehrenswert“ wirken zu müssen.
Wer sich nicht rasiert, wird schief angesehen.


Selbstbild Frau: Warum mein kleines Experiment plötzlich emotional wurde
Jedenfalls beschloss ich, das Ganze einfach mal weiterlaufen beziehungsweise weiterwachsen zu lassen.
Einfach aus Neugier.
Praktischerweise begann mein kleines Experiment in der kalten Jahreszeit. Pullis, lange Kleidung, wenig Diskussionen. Ich konnte mich erst einmal alleine damit beschäftigen, ohne Meinungen von außen.
Meinen Mann störte es übrigens überhaupt nicht. Er fand es sogar „süß“. Das überraschte mich mehr, als es eigentlich sollte.
Am Anfang war ich vor allem fasziniert davon, wie es sich anfühlte. Ich strich immer wieder über den wachsenden Flaum und beobachtete von Woche zu Woche, wie sich die Haare unter meinen Armen veränderten. Manchmal erschrak ich kurz, wenn ich aus dem Augenwinkel etwas Dunkles sah, bis mir wieder einfiel: Ach ja. Da sind jetzt Haare.
Dann kamen die ersten warmen Tage und ich hatte plötzlich das Gefühl, mehr zu schwitzen. Das fand ich ehrlich gesagt erst einmal unangenehm. Ich kaufte mir sogar ein Deo, obwohl ich sonst nie eins brauchte.
Optisch konnte ich das Ganze lange nicht richtig einordnen. Vielleicht, dachte ich, hilft es mir, Bilder davon zu sehen.
Gleichzeitig merkte ich aber, wie unangenehm mir der Gedanke war, mich damit jemand anderem zu zeigen. Also beschloss ich, Selbstportraits zu machen, um mir selbst die Zeit und den Raum zu geben, mich damit in meinem eigenen Tempo auseinanderzusetzen.
Nach ein paar kleinen Nervenzusammenbrüchen wegen nicht funktionierendem Fernauslöser, falsch sitzendem Fokus und völliger Inkompatibilität mit meinem Studioblitz wurden daraus erst einmal Handyfotos. Als ich die Bilder später am PC ansah, störte mich am Ende mehr die schlechte Bildqualität als die Haare unter meinen Armen. Ja, Berufskrankheit. Sorry.
Also zweite Runde. Diesmal mit richtiger Kamera. Der Anblick blieb trotzdem erstmal ungewohnt. Eigentlich stören mich meine Achselhaare gar nicht. Schön finde ich sie aber auch nicht unbedingt. Sie wirken einfach anders. Vielleicht ähnlich wie mein Gefühl bei ungeschminkt und geschminkt.
Ich mag mein ungeschminktes Gesicht. Im Alltag bin ich zu 90 Prozent ungeschminkt unterwegs oder höchstens mit etwas Augenbrauenstift. Früher wäre das für mich undenkbar gewesen. Als Teenager und junge Frau hatte ich Hemmungen, ungeschminkt das Haus zu verlassen.
Heute ist das anders.
Geschminkt finde ich mich trotzdem attraktiver. Meine Augen wirken ausdrucksstärker, weil meine Brauen und Wimpern sehr hell sind. Der Unterschied ist nur: Heute schminke ich mich nicht mehr, um Männern zu gefallen, sondern weil es mir selbst gefällt.
Ich glaube nicht einmal, dass ich Achselhaare bei Frauen grundsätzlich hässlich finde. Kürzer finde ich sie vermutlich einfach ästhetischer als lang. Der Anblick ist insgesamt aber eben ungewohnt, weil wir ihn so selten sehen.
Achselhaare bei Männern gelten völlig selbstverständlich als normal. Gleichzeitig ist es genauso akzeptiert, wenn Männer ihre Achseln rasieren. Auch bei Brusthaaren ist das inzwischen einfach Geschmackssache.
Bei Frauen wird dagegen oft sofort diskutiert. Und zwar selten neutral. Oft wird es medizinisch erklärt oder gerechtfertigt. Genauso war es damals übrigens auch bei der Bekannten meiner Mutter. Niemand sagte einfach: „Sie mag das halt so.“
Und jahrzehntelange Prägung verschwindet nicht nach ein paar Wochen Achselhaar.
Ich merke ganz deutlich, dass ich Hemmungen habe, damit offen auf die Straße zu gehen. Wegen möglicher Blicke anderer Menschen. Eigentlich absurd, weil mir solche Blicke in anderen Bereichen inzwischen ziemlich egal geworden sind. Seit ich Mama bin, gehe ich problemlos in Gammelklamotten einkaufen und denke mir nichts dabei.
Aber hier merke ich plötzlich wieder diese alte Unsicherheit.
Und da ist noch ein weiterer Faktor: Meine Tochter ist fünf und beginnt gerade, Unterschiede wahrzunehmen und Körper zu kommentieren. Gleichzeitig versuche ich, ihr ein positives und vielfältiges Körperbild mitzugeben. Nicht nur bei anderen Frauen, sondern auch bei mir selbst.
Ob meine Achselhaare bleiben, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Allein diese Bilder öffentlich zu posten, hat mich schon Überwindung gekostet. Meine Komfortzone habe ich damit auf jeden Fall verlassen. Gleichzeitig fühlt es sich auch nach einem kleinen Stück Freiheit an.
Oft glauben wir, wir hätten eine ganz eigene Meinung über unseren Körper. In Wirklichkeit ist unser Blick auf uns selbst aber stark davon geprägt, wie wir gelernt haben, Frauen zu betrachten.
Deshalb wurde dieses kleine Selbstexperiment für mich irgendwann viel größer als nur die Frage:
„Rasiere ich mich oder nicht?“
Es ging plötzlich um Selbstwahrnehmung. Um Weiblichkeit. Und um die Frage, wann wir uns erlauben, sichtbar zu sein.


Was mein Achselhaar-Experiment mit meiner Art zu fotografieren zu tun hat
(oder: Warum viele Frauen sich auf Fotos nicht mögen)
All diese Gedanken sind eigentlich dieselben, die sich viele Frauen machen, wenn sie vor die Kamera treten. Ob es nun eine selbstgewählte „Achselhaar-Challenge“ ist oder ein anderes Körperteil, für das sich eine Frau schämt.
90 Prozent der Frauen, die ein Shooting bei mir buchen, erzählen mir zum Beispiel, dass sie ihren Bauch nicht mögen. Ich gehöre übrigens selbst dazu. Unzählige Frauen schämen sich für ihre Oberschenkel, Füße, Hände, Zähne … die Liste ist endlos. Wir Frauen gehen oft unbarmherzig mit unserem Körper ins Gericht.
Und meistens weiß ich überhaupt nur deshalb von diesen vermeintlichen Problemzonen, weil die Frauen sie mir vorher nennen. Sehen tue ich sie oft gar nicht. Auf jeden Fall nicht auf die Art, wie sie selbst sie sehen.
Vielleicht, weil ich sie mit deutlich liebevolleren Augen betrachte, als sie sich selbst. Und genau so fotografiere ich auch.
Viele Frauen, gerade ab 40, haben einfach nie gelernt, sich selbst freundlich zu begegnen. Wenn wir etwas Ungewohntes sehen, etwas, das nicht in unser Ideal passt, bewerten wir es oft sofort negativ. Und genau das passiert auch bei Fotos.
Die meisten Menschen sehen sich selbst hauptsächlich im Spiegel. Kontrolliert. In bekannten Winkeln. Mit bestimmten Gesichtsausdrücken. Und auch dort meiden wir oft allzu lange Blicke.
Ein Foto zeigt uns plötzlich anders. Verkehrt herum, als eingefrorenen Moment, unkontrolliert, ungewohnt, fremd.
Und unser erster Gedanke lautet oft:
„Oh Gott. So sehe ich aus?“
Dabei ist das Problem häufig nicht das Bild selbst, sondern unser Blick darauf.
Genauso wie mein Achselhaar sich erst fremd anfühlte, weil ich es nie gesehen hatte, fühlen sich viele Frauen auf Fotos falsch, weil sie sich selbst nie wirklich anschauen. Wir Frauen verbringen unser Leben damit, an uns herumzukorrigieren und Idealen nachzueifern, die andere für uns erfunden haben.
Dieses Experiment hat mich noch einmal ganz direkt spüren lassen, wie verdammt tief diese ganzen Bilder darüber, wie wir Frauen aussehen „sollten“, in uns sitzen. Und wie schwer es ist, sich wirklich davon freizumachen.
Und die Industrie feuert das an, denn es ist ein Milliardengeschäft. Aber wie heißt es so schön:
„Ich habe einen Körper und gehe an den Strand, also habe ich einen Beach Body.“
Wir verbringen so viel Zeit damit, uns selbst zu optimieren, dass wir oft vergessen, einfach wir selbst zu sein.
Mit Falten oder ohne. Mit Bauch, ohne Busen, mit Haar oder ohne. Und natürlich dürfen wir Glitzer drüberstreuen. Oder eben nicht.
Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir anfangen, unseren eigenen Blick zu hinterfragen, statt uns ständig selbst zu korrigieren. Und dass wir auch anderen Frauen mit weniger Urteil begegnen. Ich bleibe auf jeden Fall dran. Tag für Tag, Shooting für Shooting.

