Start » Blog: The Empowerment Edit » Selbstliebe im Alltag » Die weibliche Midlifecrisis: Aufbruch statt Zusammenbruch

Die weibliche Midlifecrisis: Aufbruch statt Zusammenbruch

Inhalt

Die weibliche Midlifecrisis: Aufbruch statt Zusammenbruch

Bei mir kam der Weckruf nicht leise. Ich bin nicht sanft in eine neue Lebensphase hineingeglitten, sondern erst einmal komplett zusammengebrochen. Der Burn-out kam nach Jahren, in denen ich viel – zu viel – getragen habe. Job, Nebenjob, Care-Arbeit, Familie, Umbau, eigene Ansprüche. Ich habe lange funktioniert, weil ich dachte, ich müsste das so machen. Stark sein. Durchhalten. Weitermachen.
 Irgendwann ging es einfach nicht mehr.

Die Langzeit-Krankschreibung hat mir etwas gegeben, das ich mir selbst längst nicht mehr erlaubt hätte: Zeit, Abstand, Raum.  Ich war gezwungen, stehen zu bleiben. Und genau in diesem Stillstand begann ich hinzuschauen. Auf mich. Auf mein Leben. Auf das, was sich schon lange nicht mehr stimmig angefühlt hatte. Der Burn-out war nicht die Midlifecrisis.
 Aber er hat sie sichtbar gemacht.
Denn nach dem ersten Stabilisieren ging es nicht darum, wieder genauso weiterzumachen wie vorher. Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr dorthin zurückwollte, wo ich aufgehört hatte.

Dinge, die früher selbstverständlich waren, fühlten sich plötzlich falsch an. Entscheidungen, die ich lange mitgetragen hatte, passten nicht mehr zu dem, was ich innerlich gespürt habe. Was sich erst wie persönliches Versagen angefühlt hatte, begann sich wie ein Übergang anzufühlen, den ich zu lange hinausgeschoben hatte.

Wenn Funktionieren nicht mehr trägt

Ich habe lange geglaubt, ich müsste einfach noch ein bisschen durchhalten. Dass es normal ist, müde zu sein. Dass es dazugehört, viele Rollen gleichzeitig zu tragen. Mutter. Partnerin. Tochter. Berufstätige. Die, die alles zusammenhält. Und ich war darin gut. Besonders im Job. Nicht klagen. Lösungen finden. Weitermachen. Verantwortung übernehmen. Diese Rolle hat mir Sicherheit gegeben. Anerkennung. Das Gefühl, etwas wert zu sein.

Bis sie nicht mehr ging. Nicht nur, weil mein Körper nicht mehr konnte, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich so nicht mehr leben will. Diese Erkenntnis kam nicht plötzlich. Sie kam schleichend. Und sie war unbequem. Mitten im Leben zu stehen und festzustellen, dass man sich selbst unterwegs verloren hat, fühlt sich nicht mehr an wie ein individuelles Problem. Es fühlt sich an wie ein kollektives Thema, über das lange zu wenig gesprochen wurde.

Warum die weibliche Midlifecrisis so lange keinen Namen hatte

Vielleicht fühlt sich diese Phase auch deshalb so verwirrend an, weil sie lange kaum benannt wurde. Über die männliche Midlifecrisis wurde gelacht, gespottet, diskutiert. Der Sportwagen. Die Affäre. Der Versuch, der eigenen Endlichkeit davonzufahren. All das war sichtbar. Und damit irgendwie auch erlaubt. Die weibliche Midlifecrisis kam darin nicht vor.

Frauen galten lange nicht als diejenigen, deren Leben eine Bilanz verdient. Sie hatten zu funktionieren. Zu tragen. Zu kümmern. Wenn sie erschöpft waren, galt das nicht als existenzielle Krise, sondern als persönliches Problem. Oder als Hormonfrage. Dabei setzt eine Midlifecrisis etwas ganz Wesentliches voraus: die Annahme, dass ein Leben bedeutsam genug ist, um innezuhalten und zu fragen, wo man steht. Diese Selbstverständlichkeit wurde Frauen lange abgesprochen.

Umso wichtiger ist es, dass sich das gerade ändert. Themen wie Wechseljahre, Perimenopause und weibliche Midlife-Chance werden sichtbarer. Nicht nur als medizinische Phasen, sondern als Lebensübergänge. Immer mehr Frauen sprechen darüber, was diese Zeit wirklich mit sich bringt: große Fragen nach Identität, nach Sinn, nach dem eigenen Platz im Leben. Und nach all den Rollen, die man übernommen hat, oft ohne je zu prüfen, ob sie wirklich passen.

Wenn der Körper sich verändert und niemand zuhört

Zu all dem, was innerlich in Bewegung gerät, kommt etwas sehr Konkretes dazu: der Körper. Viele Frauen merken in dieser Phase, dass er sich verändert, oft schneller, als sie innerlich hinterherkommen. Der Schlaf wird schlechter. Die Erschöpfung tiefer. Die Belastbarkeit geringer. Dinge, die früher nebenbei liefen, kosten plötzlich Kraft. Der Zyklus verändert sich oder verschwindet. Gewicht verteilt sich anders. Der Spiegel zeigt nicht mehr das Bild, das man von sich gespeichert hatte. Und oft wird das klein gemacht. „Das sind halt die Wechseljahre. Da musst Du durch.“ Aber so fühlt es sich nicht an.

Diese körperlichen Veränderungen fallen genau in eine Lebensphase, in der viele Frauen ohnehin viel tragen. Kinder und Enkelkinder brauchen Begleitung. Eltern werden pflegebedürftig oder sterben. Berufliche Verantwortung wächst, während die eigenen Kräfte begrenzter werden. Irgendwann meldet sich der Körper deutlich. Nicht, weil etwas kaputt ist, sondern weil etwas nicht mehr passt.

Der Körper ist oft ehrlicher als der Kopf. Er zeigt Grenzen an, lange bevor wir bereit sind, sie anzuerkennen. Das macht Angst. Es macht wütend. Und es macht traurig. Aber es kann auch der Moment sein, in dem etwas Wichtiges zurückkehrt: die Verbindung zu sich selbst. Nicht in der Version von früher, sondern in einer neuen, klareren, ehrlicheren.

Die Trauer um das, was nie gelebt wurde

Mit diesem Innehalten kam etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Trauer. Keine große, dramatische Trauer, eher ein leises Bedauern. Um Entscheidungen, die ich getroffen habe, weil sie sinnvoll waren. Um Wege, die ich nicht gegangen bin, weil ich Angst hatte. Oder weil andere wichtiger waren.

Ich habe lange gebraucht, um mir das zu erlauben. Schließlich ist so vieles gut gelaufen. Ich habe ein Kind, eine Partnerschaft, ein Heim, das Fotografieren, das ich liebe. Und trotzdem war da dieses Gefühl, dass etwas gefehlt hat. Dankbar zu sein und trotzdem etwas zu vermissen, schließt sich nicht aus. Das sehe ich bei vielen Frauen. Sie entschuldigen sich innerlich für ihre Zweifel. Reden sie klein. Legen sie schnell beiseite, weil sie sich undankbar anfühlen. Aber diese Trauer ist kein Zeichen von Schwäche. Sie zeigt, dass man beginnt, ehrlich hinzuschauen.

Warum „eigentlich müsste ich doch zufrieden sein“ nicht weiterhilft

Diesen Satz kenne ich gut. Ich habe ihn mir selbst oft gesagt und höre ihn auch im Freundeskreis immer wieder. Eigentlich ist doch alles da. Eigentlich läuft es doch. Diese Gedanken klingen vernünftig. Sie machen aber auch stumm. Sie schieben Gefühle weg, bevor sie überhaupt Raum bekommen. Zufriedenheit lässt sich nicht erzwingen. Und Dankbarkeit ersetzt keine Grenzen. Sie beantwortet auch nicht die Frage, wie Du leben willst.

Die weibliche Midlifecrisis wird oft beschrieben, als würde etwas fehlen oder kaputtgehen. Meine Erfahrung ist eine andere. Bei mir. Und bei vielen Frauen, die ich begleite. Was hier bricht, sind die Konstrukte, die sie lange getragen haben. Erwartungen. Rollen. Das ständige Funktionieren. Der Anspruch, alles gleichzeitig zu sein und dabei möglichst wenig Raum einzunehmen. Wer einmal wirklich angehalten hat, kann danach oft nicht mehr einfach so weitermachen wie vorher. Und das ist nichts Schlechtes.

Für mich ist diese Phase kein Scheitern, sondern ein notwendiger Übergang.  Der Begriff Midlife-Chance trifft es sehr gut.

Warum meine Arbeit Teil dieses Wandels ist

Ich sehe meine Fotografie nicht losgelöst von dieser Bewegung. Frauen über 40 werden sichtbarer. Klarer. Sie lassen sich nicht mehr so leicht in die Unsichtbarkeit schieben. Wenn Frauen zu mir kommen, bringen sie ihre Geschichte mit. Brüche, Zweifel, neue Fragen. Aber auch Tiefe, Humor und eine Präsenz, die nicht aus Oberflächlichkeit entsteht.

Vor der Kamera dürfen all diese Facetten da sein. Ohne Erklärung. Ohne Rechtfertigung. Es geht nicht darum, jünger zu wirken oder etwas zu beweisen, sondern darum, sich selbst wieder ernst zu nehmen. Sich neu entdecken zu dürfen, sich auszuprobieren, auch als gestandene Frau.

Ein Bild als Erinnerung an Dich selbst

Die Bilder, die in dieser Phase entstehen, sind keine Momentaufnahmen eines perfekten Zustands. Sie sind Markierungen. Erinnerungen daran, dass Du diesen Übergang bewusst gegangen bist. An die Erlaubnis, die Du dir endlich gegeben hast, Dir einen Raum nur für Dich zu geben.

Viele Frauen erzählen mir später, dass sie diese Fotos anders betrachten als andere Bilder von sich. Nicht kritischer, sondern verbundener. Weil sie wissen, was dahintersteckt. Und genau darin liegt ihre Kraft.

Du musst nicht wissen, wohin alles führt

Die weibliche Midlifecrisis ist kein Plan. Kein Projekt. Sie ist ein Prozess. Du musst nicht wissen, wo Du am Ende landest. Es reicht, anzuerkennen, dass Du nicht stehenbleiben willst. Wenn Du Dich in diesen Zeilen wiedererkennst, dann nicht, weil Du „in der Krise“ bist, sondern weil Du beginnst, Dich neu zu verorten. Das ist kein Zusammenbruch, das ist ein Aufbruch.

Ich begleite Dich gern ein Stück auf diesem Weg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Artikel

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner